Grund genug – Fremdplatzierte Heimkinder in der Schweiz
Simone Stolz
2023 / Farbstift
Die BA-Diplomarbeit „Grund genug – Fremdplatzierte Heimkinder in der Schweiz“ (2023) von Simone Stolz setzt sich mit einem sensiblen Kapitel Schweizer Sozialgeschichte auseinander. Die Arbeit sucht einen zeichnerischen Zugang zur Geschichte der sogenannten Zwangsversorgungen in der Schweiz: Bis vor wenigen Jahrzehnten wurden hunderttausende Kinder und Jugendliche in Schweizer Heimen untergebracht – oft über viele Jahre hinweg und unter Bedingungen eingeschränkter Selbstbestimmung. Die Arbeit richtet den Blick auf Menschen, die bis heute unter den Folgen dieser Erfahrungen leiden, und thematisiert die Suche nach Identität, Erinnerung und gesellschaftlicher Sichtbarkeit.
Die zeichnerisch-erzählerische Vermittlung in Buchform ermöglicht einen vielschichtigen und persönlichen Zugang zu diesen Geschichten. Anstelle einer dokumentarisch-direkten Darstellung entstehen atmosphärische, poetisch verdichtete Bildräume, die Erinnerung, Emotion und historische Reflexion miteinander verweben. Die Farbstifttechnik unterstützt dabei eine taktile, beinahe fragile Bildwirkung, die Nähe und Intimität erzeugt. Gerade die Offenheit und Unmittelbarkeit der Zeichnung schaffen einen sensiblen Raum für Dialog und Reflexion. Zeichnung wird hier nicht nur als Ausdrucksmittel verstanden, sondern als kommunikativer und prozesshafter Zugang, um Erfahrungen sichtbar zu machen und den Spielraum zwischen eigener Wahrnehmung und dargestellter Realität auszuloten.
Die Arbeit entstand in Kooperation mit dem Verein Gesichter der Erinnerung und verbindet künstlerische Praxis mit gesellschaftlicher und wissenschaftlich fundierter Aufarbeitung. Die Zeichnungen übersetzen komplexe soziale und biografische Realitäten in offene, interpretative Räume, die eine empathische und kritische Auseinandersetzung fördern.
Besonders hervorzuheben ist die außergewöhnliche Sensibilität, mit der das Medium des Zeichnens als Werkzeug der Begegnung und Vermittlung einsetzt. Die Arbeit zeigt eindrücklich, dass zeichnerische Prozesse – insbesondere im Kontext sozialwissenschaftlicher Fragestellungen – epistemische Qualitäten entwickeln können: Zeichnung dient hier nicht nur der Darstellung, sondern wird selbst zu einer Form des Denkens, Erinnerns und Verstehens. Die BA-Diplomarbeit wurde 2023 mit dem «Förderpreis» der Zürcher Hochschule der Künste ausgezeichnet.
Nach Abschluss ihrer BA-Diplomarbeit konnte Simone Stolz ihr Projekt in Buchform publizieren.





